bis sich alles nur um essen dreht



hallo ihr lieben,

ich hab euch vor einer woche versprochen einen artikel zu schreiben, der meine persönlichen erfahrungen der letzten zwei jahre behandelt, und da ich sehr viel zur zeit zutun habe, war es erst jetzt möglich für mich mir zeit zu nehmen und diesen zu schreiben. viele meiner freunde wissen nichts von den problemen die ich in den vergangenen monaten hatte, selbst einige aus meiner familie nicht, weshalb es nicht gerade leicht ist und ich auch ein wenig unsicher bin was die reaktionen angeht, die wohl auf mich zukommen werden, nachdem der blogeintrag gelesen wurde. dennoch hätte ich mir in dieser zeit gewünscht, sowas zu lesen, und ich hoffe dass es - wenn auch nur einer person - helfen kann, oder sich jemand wieder erkennt oder einfach nur verstanden fühlt.

alles begann, als ich mit meinem exfreund zusammen gewohnt habe, und einfach etwas gemütlicher wurde. ich habe kaum sport gemacht und tägliche schnöker-couch-abende waren routine. ich war nie wirklich dick, aber zu der zeit habe ich knapp 56 kilo gewogen bei einer größe von ca 1,70m. irgendwie haben diese bauchfalten angefangen mich zu nerven, die rollen beim sitzen, ich hab mich einfach  nicht mehr wohlgefühlt. vegane ernährung bedeutet leider nicht, dass man sich automatisch gesund oder extrem bewusst ernährt, und diese umstellung zu einer gesunderen bzw besseren lebensweise ging so langsam los. ich hab mich im fitness studio angemeldet, mir inspiration und motivation auf instagram eingeholt und begann mein eigenes anonymes profil mit bildern von meinem essen und köperlichen veränderungen zu füttern. zunächst dachte ich: muskeln aufbauen! also alle 3 stunden essen! gains gains gains!

ich begann nur noch über essen nachzudenken, habe spät abends sogar noch veganen proteinjoghurt gegessen um bloß keine muskeln die ich mir zwei stunden im fitnessstudio antrainiert habe, wieder zu verlieren. laufen? nur 10min zum aufwärmen. ich hab schnell gemerkt dass das ganze nichts für mich ist, abgenommen habe ich auch nicht sonderlich. leider hat jemand aus meinem bekanntenkreis das instagram profil entdeckt und mir war das so super peinlich, dass ichs direkt gelöscht habe.
ich versuchte es mit suppen und smoothies, das hat sich wunderbar angehört, und fing an alles was ich über den tag so esse aufzuschreiben. eine spalte mit datum und gewicht, dann frühstück, mittag, abendessen und snacks, die letzte spalte wurde gefüllt mit dem sport, den ich so den tag über getrieben habe.
abends habe ich meistens gar nicht mehr gegessen als ich bemerkte, dass auch das dokumentieren nicht wirklich was bringt. ich begann lieber früh schlafen zu gehen, habe deshalb auch kaum noch was mit meinen freunden gemacht, da wir meistens zusammen essen gehen und das ging für mich auf keinen fall klar. aufeinmal waren wieder die 50 kilo erreicht, aber das war nicht genug. ich fing wieder an ein instagramprofil zu führen, was ihr alle auch aktuell kennt.

irgendwie fand ich dass ne 4 vorne sich super anhören würde, wenn ich so über mein gewicht nachgedacht habe. manche freunde von mir sind super zierlich, und alles was ich wollte war irgendwie mit ihnen auf einer stufe zu stehen. ich war nicht neidisch auf das gewicht, ich wollte nur genauso schön schlank sein wie sie. ich wollte auch, dass man denkt wenn man mich umarmt, dass ich vielleicht zerbrechen könnte. irgendwie ist das echt schwierig so ehrlich zu sein beim schreiben, und es mag sich für euch vielleicht idiotisch anhören, aber das ist genau das, was in mir vorging.

also kam zu meinem kleinlichen auf kohlenhydrate und fette zählen noch eine riesen portion sport hinzu, um den gewichtsverlust schneller voran zu treiben. geschrieben habe ich zwar "fit not skinny" im kopf hatte ich aber was anderes. super schnell hatte ich nicht nur den flachen bauch, sondern auch bauchmuskeln die zu sehen waren.. und auch arg doll meine hüftknochen.. während ich das hier so schreibe, weiß ich natürlich, dass diese zeit mit dem peniblen essen absolut schrecklich war, und dennoch wünsche ich mir manchmal immer noch zurück, wieder so sehr dünn zu sein.

das schrecklichste sollte aber erst noch kommen.. ich hab gemerkt wie schlecht es mir ohne meine freunde geht, wie furchtbar das ist wenn man sich ausklinkt. ich war überhaupt nicht mehr unterwegs, nur noch sehr selten was anderes gemacht außer sport, arbeit oder uni. was daraus resultiert, ist dass man sich fehl am platz fühlt. mein darauf folgender thailand aufenthalt hat das natürlich nur unterstützt. ich hatte eine wundervolle zeit in thailand, die ich nie vergessen werde, nur um so schlimmer war dann auch die rückkehr.
und nun? ich spielte mit dem gedanken die uni zu schmeißen und wieder zurück nach thailand zu gehen, zur sonne, obst, weg von hier und mir. dabei hab ich mir die ganze situation um mich herum selbst konstruiert.
ich hatte endlich ein normales gewicht erreicht, und bauchmuskeln waren auch da, aber ihr glaubt nicht wie unzufrieden ich war, und dann begann ich aus frust zu essen, mich richtig vollzustopfen. ich hab einfach kein sättigungsgefühl gespührt, wusste gar nicht wie hunger oder satt sein sich mehr anfühlt. nach solchen fressattacken folgte natürlich sehr schnell die reue, also gings ab ins badezimmer. und so erging es mir ein paar wochen fast jeden tag. ich aß aber nicht nur aus frust, sondern auch viel aus langeweile. wenn ich gerade so rumsaß oder irgendeinen film geguckt habe, gabs immer was zu essen dazu, einfach nur so.
eine therapie kam für mich nicht in frage, nicht etwa, weil ich angst hatte schwäche zu zeigen, sondern weil ich eigentlich überzeugt davon war, dass ich eine starke person bin, und es bisher immer hinbekommen habe mein leben selbst zu managen. es zog sich lang hin, die phasen wo es mir besser ging und ich normal gegessen habe, und wieder phasen wo ich mich übergeben habe. an manchen tagen konnte ich ein stück kuchen essen ohne es zu bereuen, an anderen tagen hätte ich nur drüber heulen können.
es ist furchtbar wenn sich die gedanken einfach nur noch ums essen drehen, man genau plant was man wann isst, was zu viele kohlenhydrate oder fette hat. man wird sich einfach nicht selbst gerecht, ist extrem unausgeglichen und angespannt. das nützt doch keinem was, aber der weg da raus ist bei weitem nicht leicht.
ich kann euch nur sagen, dass ich immer noch nicht ganz gesund bin, aber auf dem besten weg dort hin. eine essstörung ist wirklich etwas tief psychisches, das hätte ich bevor es mich erwischt hat nie gedacht. als aussenstehender muss es so schwer sein das irgendwie nachzuvollziehen, aber man sieht sich selbst mit komplett anderen augen. selbst die 47 kilo waren mir nicht genug, ich wollte weniger und weniger und das alles ist einfach eskaliert.
aktuell wiege ich 51 kilo, und das obwohl ich wirklich viele haferflocken an die ich mich eine zeit lang überhaupt nicht rangetraut habe esse, mit freunden sushi und pizzaabende mache. und mir gehts wirklich richtig gut. ich trinke ab und zu mal etwas alkohol, ich nasche aber alles in allem ernähre ich mich gesund, so wie es ja auch angefangen hat. meine anmeldung beim kickboxen war das beste was ich hätte machen können, ein gemeinschaftssport mit viel ausdauertraining, die gesamte gruppe motiviert sich gegenseitig, und einmal die woche squash training. durch die beiden sportarten habe ich bewegung und spaß, ohne diesen fitness-wahn. ich glaube jeder, der von einer essstörung getroffen ist oder war, sollte versuchen sich von fitnessstudios zu distanzieren und zu mannschafts- bzw gruppensport wechseln. dieses ego ding macht einen bzw mich echt kaputt und zieht mich schnell wieder in eine richtung, von der ich eigentlich weg will.
mittlerweile fühle ich mich so angekommen wie noch nie in der stadt in der ich wohne. ich kann mir sogar inzwischen vorstellen, nach meinem studium noch länger hier zu bleiben, weil ich großartige menschen kenne die mir das leben hier echt schön machen, und ich mich hier sehr gut aufgehoben fühle. es gibt kaum noch einen abend, wo ich allein zu hause bin, wie vor einem jahr. irgendwer hat immer lust was zu kochen, n film zu gucken oder wegzugehen.

ich glaube das wichtigste ist sich selbst kennen zu lernen, herauszufinden was die ziele sind im leben und was man erreichen will. für mich ist es einfach glücklich zu sein, und deshalb mache ich auch nur noch das, was ich wirklich möchte. ich ziehe die uni durch, weil ich diesen abschluss gern im winter in den händen halten möchte. ich arbeite jetzt in einer biobäckerei, weil es für mich furchtbar war wie viel essen bei vapiano weggeschmissen wird. ich mache mich stark für tierrechte und veganismus, weil mir meine umwelt wichtig ist und es mich glücklich macht den tieren eine stimme zu geben. seid die person die ihr sein wollt! essen ist für mich immer noch sehr wichtig - natürlich wenn man einen foodblog hat und spaß daran hat rezepte zu kreieren - aber essen tue ich hauptsächlich erst dann, wenn ich merke dass ich hunger habe und nicht weil die uhr sagt, dass es nun mittagszeit ist. das hilft mir wirklich, und vielleicht euch auch.

abschließend möchte ich noch sagen, dass ich hoffe dass sich hier niemand "verarscht" fühlt, weil ich meine persönlichen probleme nie bei instagram so richtig ausgetragen habe. manchmal bekomme ich so rührende mails, wo ihr mich eure inspiration nennt, und ich hoffe die ist mit dieser ehrlichkeit hier nicht verflogen.

ich weiß noch nicht genau, ob ich diesen artikel lang online lasse.
aber habt einen schönen tag, xx kira.

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